Nicht die Blume entscheidet, sondern die Linie
Ein Jugendstil-Schmuckstück scheint auf den ersten Blick oft leicht erkennbar zu sein. Wir sehen ein Blatt, eine Knospe, eine Libelle oder eine sich neigende weibliche Gestalt, und schon ist die Definition gefunden. In der Realität ist der pflanzliche Dekor jedoch allein nicht ausreichend. Blumen und Ranken tauchten bereits lange vor dem Jugendstil auf Schmuckstücken auf, und auch spätere Epochen griffen sie gerne wieder auf. Das Wesen des Stils liegt vielmehr darin, wie die Form in Bewegung gerät: Die Linie wird dünner, biegt sich zurück, läuft durch die Fassung und setzt sich in einem anderen Motiv fort. Das Schmuckstück bildet die Natur nicht einfach ab, sondern übersetzt deren Wachstum, Rhythmus und Wandelbarkeit in die Sprache der Goldschmiedekunst.
Daher beginnt die bewusste Betrachtung immer mit der gesamten Komposition. Gibt es eine einzige starre Achse, oder wandert der Blick um das Objekt herum? Ist die Symmetrie exakt oder fein verschoben? Beherrschen die Steine die Form, oder bauen Metall, Email und Steine das Bild gemeinsam auf? Bei einem guten Jugendstil-Stück sind die Details keine separaten Verzierungen, sondern Teile desselben Gedankens.
Ein neuer Stil im Europa der Jahrhundertwende
Der Jugendstil entwickelte sich von den 1890 er Jahren bis zu den 1910 er Jahren zu einem internationalen Phänomen. Er war keine einheitliche, von einem einzigen Zentrum ausgehende Mode, sondern ein Netzwerk verwandter Bestrebungen. In Frankreich sprechen wir von Art Nouveau, im deutschsprachigen Raum von Jugendstil, in Österreich und Ungarn oft von szecessziós oder Sezessionstil, in Italien ist auch die Bezeichnung Liberty, in den Niederlanden Nieuwe Kunst gebräuchlich. Diese Varianten decken sich nicht exakt, haben jedoch gemeinsam die Unzufriedenheit mit den historisierenden Stilen und das Suchen nach einer neuen, zeitgemäßen Ziersprache.
Die Strömung wurde gleichermaßen geprägt durch das Kunsthandwerksideal von Arts and Crafts, die flächige Komposition japanischer Holzschnitte, den Symbolismus und das naturwissenschaftliche Interesse. Die Pariser Weltausstellung 1900 zeigte eindrucksvoll, auf wie vielen verschiedenen Objekten dieselbe Auffassung erscheinen konnte: auf Gebäuden, Möbeln, Glas, Plakaten und Schmuck. Für den Goldschmied der Epoche war das Schmuckstück nicht bloß ein Statussymbol, sondern konnte ein kleinformatiges, tragbares Kunstwerk sein.
All dies bedeutet nicht, dass um 1900 herum jedes Schmuckstück dem Jugendstil angehörte. Der leichte, diamantbesetzte Girlandenstil blühte zur selben Zeit, und ältere historisierende Formen lebten weiter. Bei der Datierung eines Objektes reicht es daher nicht aus, das für die Epoche typische Motiv zu erkennen: Es muss auch untersucht werden, wie es sich in die Struktur, die Materialverwendung und die Ausführung einfügt.
Die Natur ist kein Muster, sondern eine Struktur
Zu den bekanntesten Jugendstilmotiven gehören Orchideen, Iris, Lilien, Zyklamen, Samenkapseln, Federn, Pfauenfedern, Schlangen, Schmetterlinge und Libellen. Künstler schätzten auch die Randzonen der Verwandlung: die Knospe, die sich noch nicht geöffnet hat; das Insekte, das gleichzeitig zerbrechlich und beunruhigend ist; die weibliche Gestalt, deren Haar sich in eine Ranke oder einen Flügel verwandelt. Auf Meisterwerken der Museen entwickeln sich diese Motive bisweilen zu fast skulpturalen Kompositionen.
Auf alltäglicheren, zum Tragen bestimmten Schmuckstücken kann der naturzentrierte Gedanke wesentlich zurückhaltender erscheinen. Bei einem Ring mit Blättern und Knospen beispielsweise können die unterschiedliche Größe der Steine und die Richtung der Fassungen das Gefühl des Wachstums erzeugen. Bei einem Ohrring müssen die beiden Seiten nicht zwangsläufig spiegelbildlich steif sein: Die Bewegung der hängenden Elemente und die gebogenen Stängel sorgen für den Rhythmus. Bei einer Brosche kann der negative Raum, also die Ausschnitte und Durchbrüche, mindestens so wichtig sein wie das Metall selbst.
Es lohnt sich, die bewusste Asymmetrie von unpräziser Arbeit zu unterscheiden. Erstere ist ausgeglichen: Die unterschiedlichen Elemente der Komposition halten einander optisch dennoch im Gleichgewicht. Mangelhafte Ausführung zeigt sich hingegen in unsicheren Verbindungen, groben Lötstellen, schief sitzenden Steinen oder unverhältnismäßig dicken Reparaturen.
Materialien, die Licht und Farbe zeichnen
Eine der größten Innovationen des Jugendstils war die Umwertung der Materialhierarchien. Die namhaften Designer verzichteten zwar nicht auf Diamanten, Gold oder Perlen, betrachteten diese jedoch nicht automatisch als den wichtigsten Teil der Komposition. Opale, Mondsteine, Türkise, Amethysten, Peridots, Turmaline, Glas, Horn und verschiedene Emaillen hielten Einzug in anspruchsvollsten Schmuck, sofern ihre Farbe, Transparenz oder Oberfläche dem Entwurf dienten.
Der Cabochonschliff war für diesen Ansatz besonders geeignet. Die glatte, gewölbte Oberfläche wirkt nicht durch funkelnde Facetten, sondern durch interne Lichtphänomene oder satte Farbe. Das verschleierte Licht des Mondsteins, das Farbspiel des Opals oder das kompakte Blau des Türkises verband der Designer oft mit Blättern, Flügeln oder Wassermotiven. Es ist jedoch wichtig, dass der optische Eindruck nicht mit der Materialidentifizierung gleichzusetzen ist. Anhand eines Fotos lässt sich nicht sicher entscheiden, ob ein Opal natürlich, behandelt, eine Doublette oder Triplette ist, ebenso wenig wie ein farbloser Stein allein aufgrund seines Funkelns als Diamant eingestuft werden kann.
Emaillierung ist eines der expressivsten Werkzeuge der Epoche. Bei der Plique-à-jour-Technik gibt es hinter dem Emaill keinen massiven Metallrücken, sodass das Licht durch die transparenten farbigen Felder wie durch ein kleines Kirchenfenster fällt. Beim Zellenschmuck (Champlevé / Cloisonné) begrenzen feine Metallstege die Farben. Beide erfordern große technische Disziplin, und ihr Zustand verdient beim Kauf besondere Aufmerksamkeit: Haarrisse, abgebrochene Kanten und spätere Füllungen beeinträchtigen sowohl den Wert als auch die Haltbarkeit.
Alte Diamantschliffe und Weißmetallfassungen
An Schmuckstücken der Jahrhundertwende begegnen wir häufig Diamanten im Rosenschliff, Altschliff oder anderen frühen Brillanten ähnlichen Schliffen. Der Rosenschliff ist im Allgemeinen eine flachbodenige, tafellose, kuppelförmig facettierte Form. Der Altschliff (Old European Cut) ist meist rund, hat eine höhere Krone, eine kleine Tafel und eine geöffnete Kalette. Diese Steine reagieren anders auf Licht als moderne Brillanten: Sie erzeugen nicht unbedingt ein gleichmäßiges, weißes Funkeln, sondern größere, weichere Lichtblitze.
Mit den Bezeichnungen sollte man vorsichtig umgehen. Die „holländische Rose“, die „halbholländische Rose“ und andere historische Begriffe können sich auf die Facettenanzahl und die Struktur beziehen, doch der kommerzielle Sprachgebrauch ist nicht immer konsistent. Anhand eines einzigen Fotos aus der Aufsicht ist oft nicht einmal zu erkennen, ob der Stein einen flachen Boden hat, wie der Rand beschaffen ist oder wie die Fassung die Facetten bedeckt. Für eine präzise Bestimmung sind eine Seitenansicht, eine Vergrößerung und bisweilen eine gemmologische Untersuchung ohne Ausfassung erforderlich.
Das Fassen von Diamanten in Silber und die Verwendung von strukturellen Elementen aus Gold sind keine ausschließlichen Besonderheiten des Jugendstils. Das weiße Metall setzte die Farbe der Steine in eine optisch hellere Umgebung, während das Gold auf der Rückseite oder am Ringkörper eine dauerhafte Basis bot. Diese Kombination kann ein Datierungshinweis sein, ist jedoch für sich genommen kein Beweis. Ebenso wichtig sind die Form der Fassung, die Struktur, der Verschleiß sowie die Tatsache, ob die einzelnen Teile tatsächlich zeitgleich gefertigt wurden.
Die Rückseite verrät, was mit dem Schmuckstück geschehen ist
Ein antikes Schmuckstück lohnt sich immer umzudrehen. Auf der Rückseite sind der Aufbau der Fassungen, das Scharnier und die Nadelsysteme, die Lötstellen, die Bettungen der Steine, die Verstärkungen und Spuren späterer Modifikationen zu sehen. Eine Brosche konnte früher der Kopf einer Hutschnalle oder ein Haarschmuck gewesen sein; ein Anhänger kann nachträglich eine Broschierung erhalten haben; die Schiene eines Rings konnte mehrfach in der Größe angepasst werden. Ein Umbau macht das Objekt nicht zwangsläufig wertlos, verändert jedoch das Bild, das man sich vom ursprünglichen Entwurf und der Nutzungsgeschichte macht.
Verdacht erregen können Lötstellen in einer anderen Farbe als das Metall, eine für das Motiv ungewohnt moderne Schließe, ein abgesägter oder zugelöteter Stift, unterschiedlich starker Verschleiß sowie auf der Rückseite verbliebene, funktionslos gewordene Strukturelemente. Dies sind jedoch lediglich Indizien. Die Trennung einer zeitgenössischen Reparatur, einer späteren fachgerechten Restaurierung und eines modernen, irreführenden Zusammenbaus erfordert eine Objektuntersuchung.
Die Punze ist ebenfalls wichtig, aber kein Wappenschlüssel. Sie kann bei der Erforschung des Feingehalts der Legierung, des Beschauungssystems oder des Herstellers helfen, kann jedoch auch abgenutzt, unvollständig, bei einer Reparatur versetzt oder gefälscht sein. Das Fehlen einer Punze ist ebenfalls kein automatischer Beweis für einen späten Ursprung. Insbesondere bei Ringen kommt es vor, dass die Größenänderung genau den punzierten Bereich betraf.
Was können wir beobachten, und wozu bedarf es eines Experten?
Mit bloßem Auge und einer guten Lupe lassen sich Form, Proportion, Motivschatz, Struktur, sichtbarer Verschleiß, der Zustand der Fassungen, die Kontur des Schliffs und das Vorhandensein von Punzen zuverlässig beschreiben. Daraus lässt sich eine wahrscheinliche Stil- und Altersbestimmung aufstellen, doch nicht jede Frage kann abschließend geklärt werden.
Eine Expertenuntersuchung kann erforderlich sein zur Bestätigung des Feingehalts des Metalls, zur Feststellung des natürlichen oder künstlichen Ursprungs der Steine, zur Erkennung von Behandlungen, zur Qualitätscharakterisierung der Diamanten sowie zur Unterscheidung von Emaill, Horn, Glas und späterem Kunststoff. Die Benennung einer Werkstatt, eines Landes oder eines genauen Entstehungsjahres auf der Basis eines Fotos ist nur dann gerechtfertigt, wenn dies mit einer verlässlichen Punze, einer dokumentierten Provenienz oder gut vergleichbaren, publizierten Parallelen einhergeht.
Beim Kauf suchen wir nach Kohärenz
Eine gute Sammlerentscheidung beginnt nicht damit, wie viele Karat an Steinen man erhält, sondern damit, wie konsistent das Objekt als Ganzes ist. Dienen Metall, Stein und Dekor demselben Rhythmus? Ist die ursprüngliche Silhouette erhalten geblieben? Sind die Krappen sicher, ist das Emaill unbeschädigt, ist die Nadel oder Schließe stabil? Wurden Reparaturen offengelegt, und gibt es Eingriffe, die vor dem Tragen von einem Restaurator oder einem erfahrenen Goldschmied überprüft werden müssen?
Die im Angebot von Opera Antikvitás befindlichen Diamantringe mit Blättern und Knospen veranschaulichen gut die zurückhaltendere, tragbare Seite des Jugendstils: Der Gedanke an die Natur wird nicht unbedingt durch eine großformatige figürliche Szene vermittelt, sondern durch das Zusammenspiel von Steinen und gebogenen Formen. Die florale Silberbrosche, der mit Edelopalen und Diamanten im Rosenschliff gefertigte Ohrring oder das Diamantkollier repräsentieren mit unterschiedlichen materialbezogenen und strukturellen Lösungen dasselbe epochale Interesse. Auch bei diesen bilden die Objektbeschreibung und die Fotos den Ausgangspunkt; die endgültige gemmologische, zeitliche oder werkstattspezifische Bestimmung stützt sich stets auf die Untersuchung des tatsächlichen Objekts.
Der Wert eines Jugendstil-Schmuckstücks setzt sich schließlich nicht aus einem einzigen Erkennungsmerkmal zusammen. Der künstlerische Entwurf, die Ausführung, die Qualität der Materialien, der Zustand, die Seltenheit und die Dokumentierbarkeit zählen gemeinsam. Wer lernt, der Linie zu folgen, das Objekt umzudrehen und das Sichtbare von beweisbaren Fakten zu trennen, erkennt nicht nur den Stil. Er beginnt, die Denkweise eines über hundert Jahre alten Schmuckstücks zu lesen.